Schuhe Online

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Sonntag, 29. Januar 2012

„Ich kaufe, also bin ich!“

„Ich kaufe, also bin ich!“
Marie beugt sich weit über ihren Schreibtisch. Ihre eher amateurhaft aufgeklebten
Plastikfingernägel machen es ihr zuweilen schwer, die Tastatur problemlos zu bedienen. Immer
wieder streicht sie sich die rosa gefärbten Haare aus dem Gesicht, während sie ein wenig
abwesend den Monitor vor sich fixiert.

Der Onlineshop, den sie durchstöbert, gehört zu ihren Favoriten – er bietet alles, was das 14-
jährige Herz begehrt. Kurze Röcke, enge Tops, schrille Farben, Schmuck und Parfüm. Die
Liste mit Maries Wünschen ist lang und das einzige, was sie an einer richtigen Shopping-Tour
im Internet hindert, ist das viel zu knapp bemessene Taschengeld: 50 Euro im Monat.
Wie oft hat sie schon versucht, ihre Eltern davon zu überzeugen, dass 50 Euro einfach nicht
reichen. Und jedes Mal gab es eine höfliche Absage.
In den Einkaufswagen.

Es ist eine neue Jeans, die Marie sich gönnen will. Extra Skinny. Weil man das eben jetzt so
trägt. Eine Klassenkameradin von ihr kam heute mit so einer Hose in die Schule, präsentierte
sich stolz und erhaschte viele Blicke, besonders von den Jungs. Das hat Marie überzeugt, dafür
beißt sie gerne in den sauren Apfel und lässt ihrem Lieblingsshop 39 Euro für das
Schmuckstück zukommen.

Ein bisschen hat sie noch übrig. Und weil es neben der Sparte „Bekleidung“ auch noch eine für
Accessoires gibt, zögert sie nicht lange. 11 Euro.. dafür muss sie doch irgendetwas kriegen!
Ein paar hübsche Ohrringe zum Beispiel. Oder eine Kette?
Dieser Gedanke gefällt ihr. Schmuck macht älter, reifer. Nicht umsonst hat sie eine ganze
Schublade voll von Ringen, Armreifen, und und und.. Viele ihrer Freundinnen sind neidisch
auf diese Sammlung, das weiß sie. Manche zeigen es, andere hingegen nicht. Aber es ist ein
gutes Gefühl, beneidet zu werden. Da fühlt sie sich größer als 1,56m und auf eine seltsame Art
und Weise wichtiger. Als hätte sie was zu sagen in ihrem Freundeskreis.

In den Einkaufswagen.
Aber noch viel wichtiger ist der Grund für ihren Wunsch nach mehr Kleidung, mehr
Schminke, mehr alles: Komplimente.
Es ist eines der schönsten Gefühle überhaupt, findet Marie. Wer bekommt schließlich nicht
gerne gesagt, dass man gut aussähe, fabelhaft duften würde und schöne Schuhe trüge?
Wer so etwas schon mal gehört hat, der wird jawohl verstehen, weswegen sie versucht, so up-
to-date zu sein. So In. Stylisch. Sexy.

Während sie eine Seite nach der anderen durchsucht, läuft vor ihrer geschlossenen Zimmertür
plötzlich jemand durch den Flur. Es dauert Sekunden, bis Maries Herz sich beruhigt hat. Sie
hat ihrer Mutter erzählt, dass sie sich auf ein Referat vorbereiten müsse und nicht gestört
werden wolle. Nur, damit sie jetzt ihre Ruhe hat und sich ganz darauf konzentrieren kann, wie
das Outfit fürs Wochenende aussehen soll. Ins Kino soll es gehen, auch wenn einer von den
Jungs, die mitkommen, vorgeschlagen hat, sich den Film online anzusehen. Illegal. Das war ihr
dann doch zu unheimlich. Online einkaufen, das ist okay. Es ist schließlich nicht verboten, sich
Kleidung nach Hause zu bestellen und deswegen die eigene Mutter anzulügen. Denn rausgehen
darf Marie heute nicht. Bis einschließlich morgen hat sie noch Hausarrest, weil sie sich letzte
Woche zwei Pullover bestellt hat, die eindeutig ihr monatliches Budget gesprengt haben.
Also musste Mamas Portmonnaie herhalten.
In den Einkaufswagen.

Ein schlechtes Gewissen bekommt sie langsam schon. Besonders dann, wenn sie sich an die
Moralpredigt zurückerinnert, die ihre Mutter ihr nach dem aufgeflogenen Diebstahl gehalten
hat.
Auf innere Werte komme es an. Kleider machen keine Leute. Diese Onlineshops seien totale
Abzocke.

Aber in Wahrheit, da ist sich Marie sicher, bereut ihre Mama nur, dass sie damals zu ihrer
besten Zeit nicht auch so hip sein konnte. Da ist er wieder, der Neid.
Kleider machen eben doch Leute! Immerhin sind sie das Erste, was man von jemandem
wahrnimmt und entweder mag oder eben nicht.

 den Einkaufswagen.
Marie möchte gemocht werden. Sie möchte diese Skinny Jeans. Sie möchte diesen Schmuck!
Vielleicht, ganz vielleicht, setzt sich dann am Wochenende im Kino auch einer der Jungs neben
sie. Weil sie so schön aussieht. Grund genug, mehr zu kaufen. Spätestens jetzt würde sie sich
schämen, wenn sie nicht online, sondern in der Stadt shoppen gegangen wäre. Sie
verschwindet nicht gerne mit mehr als zehn Teilen in die Umkleidekabine. Am Computer ist
das schon wesentlich bequemer. Alles, was ihr im Nachhinein nicht passt oder nicht mehr
gefällt, wird einfach zurückgeschickt. Und ihre Mutter wird das noch nicht einmal erfahren.
Die hat nämlich sowieso keine Ahnung davon, wie man sich im Internet zurechtfindet.
Marie hingegen fühlt sich dort schon fast wie zuhause. Man kann einfach alles bestellen:
Kleidung, Schuhe, Essen, Bettwäsche, ganze Küchen und Bäder.
In den Einkaufswagen.

Wie kann so etwas Abzocke sein?
All diese Onlinedienste, all die Seiten und Angebote; sie begünstigen das Einkaufen doch
lediglich.
Marie versteht den Wirbel ihrer Eltern nicht und kümmert sich lieber um den Facebook-Chat,
der eben aufgegangen ist.
'Du bist ja on!' erscheint in dem kleinen Kästchen unten rechts. Vermutlich hätte ihre Mutter
jetzt noch nicht einmal gewusst, dass 'on' für online steht. Dabei ist das doch klar!
In den Einkaufswagen.
Erst, nachdem Marie das blaugestreifte T-Shirt in den Einkaufswagen gelegt hat, tippt sie eine
Antwort. Das muss sie auf jeden Fall haben! Es ist eng und in ihrer Lieblingsfarbe. Leider
nicht ganz billig. Aber auch das nimmt sie in Kauf, denn wer schön sein will, muss leiden –
auch finanziell, das gehört dazu.
Ein leises Klopfen an ihrer Zimmertür lässt sie schließlich aufhorchen.

Bestellung abschicken.
Der Button ist schnell geklickt, die Onlineseite des Shops sofort geschlossen und auch das
Facebook-Gespräch wird sofort minimiert.
Alles, bevor Maries Mutter den Kopf ins Zimmer steckt und sie zum Essen ruft. Wieder hat sie
das Herzklopfen, das ihre Brust mit jedem Schlag erschüttert.
Und obwohl Marie insgeheim fürchtet, ihre Mutter könnte das aufgeregte Beben wahrnehmen,
das sie und ihren wertvollen Einkauf verraten würde, drehen sich die Rädchen in ihrem Kopf
immer noch ganz wild.
Da gibt es noch diese Jacke, die sie eigentlich bestellen wollte..


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